2. Verbrechen und Persönlichkeit

 

Verbrechen als Charakterzug
Eine der wesentlichsten Merkmale des Menschen ist seine Persönlichkeit. Sie bestimmt seine Identität, sein Wesen und seine Handlungen. Es lohnt sich insofern einen Blick auf die Frage zu werfen, ob Kriminalität etwa selbst ein bestimmter Charakterzug ist, oder ob zumindest bestimmte Charaktere eines Tages zum Verbrecher werden.

Die intuitive Einschätzung von Menschen liegt uns jedenfalls im Blut. Verschiedenste Eigenschaften können wir nach kurzer Zeit mühelos bei unserem Umfeld erkennen und so ein in unseren Augen umfassendes Bild über das Wesen dieser Menschen gewinnen, auf dessen Basis wir beispielsweise entscheiden wie viel Sympathie wir ihm gegenüber erbringen wollen.

Die Psychologie befasst sich ebenfalls schon seit langem mit diesen Eigenschaften, formt sie allerdings in greifbare Kategorien und Modelle um.

Um weitere Grunde für Verbrechen zu identifizieren, bedarf es glücklicherweise nur eines Ausschnittes davon. Von größtem Nutzen sind Eysencks Persönlichkeitssystem zum einen und zum anderen die Klassifizierungen von psychischen Störungen, denen wir uns im Folgenden widmen wollen.

EN Persönlichkeitsmodell
Eysenck unterscheidet zwischen zwei zentralen Kategorien, die gemeinsam ein Raster bilden, in das sich der Mensch einordnen lässt.

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Erstens die Tendenz bezüglich Intraversion und Extraversion.

Dies betrifft das Verhalten gegenüber anderen Menschen und den Grad mit dem diese Menschen den Kontakt zu anderen suchen. Ob sie also lieber im Schatten sitzen oder im Rampenlicht stehen.

Introversion unterfällt der ersten Kategorie, ist dabei aber weder mit Einzelgängertum noch Schüchternheit zu verwechseln.


„Nicht alles, was Gold ist, glänzt“ (Tolkien)


Stattdessen gewinnen Introvertierte ihre Energie und Entspannung aus Ruhe und Einsamkeit bzw. dem Zusammensein mit wenigen, engen Kontakten. Das grundsätzliche Bedürfnis nach sozialen Kontakten besteht dabei allerdings genauso.[1]

Extrovertierte wiederum genießen den Dialog und Austausch mit anderen mehr, erholen sich auf diese Weise und werden insofern als geselliger wahrgenommen.[2]

Dieser Teil der Persönlichkeitskonzepte kann uns freilich alleine noch keine Informationen über das Kriminalitätsrisiko liefern, bildet allerdings eine interessante Ergänzung für manche der anderen Theorien.

Relevanter ist hier schon eher die zweite Kategorie, die das Verhältnis von Stabilität und Labilitat betrifft, auch als Neurotizismus bezeichnet. Sie beschreibt den Grad an Nervosität, Reizbarkeit und Traurigkeit, kurz die Empfänglichkeit für emotionalen Stress.[3]
Dies ist freilich ein wertvoller Faktor in der Kriminalitätsforschung, da emotionale Labilitat in Stresssituationen einen Kontrollverlust mit anschließenden Gewalttaten fördert.
Insbesondere Impulsivität und mangelnde Selbstkontrolle schließen sich diesem Aspekt an und sind oft bei Gewalt- und Affekttätern vorzufinden.

Insofern lassen sich dem Mensch nach diesem Modell – dessen Grundzüge übrigens eine lange Geschichte bis in die Antike haben – vier verschiedene Richtungen zuweisen, die seine Persönlichkeit grob beschreiben und unterschiedliche Risiken für Kriminalität beinhalten.
Trotzdem sei gesagt, dass es sich hier um eine modellhafte Darstellung mit bloßen Tendenzen handelt, nicht um ein glasklares System zur Einordnung jedes Menschen in genau vier Idealtypen.
[4]

Die Reflektion des eigenen Selbstwertgefühls
Von großer Relevanz für das tägliche Leben, aber auch für die Wahrscheinlichkeit eine Straftat zu begehen, die auf Hass oder Verachtung gegenüber anderen basiert, ist zudem das eigene Selbstwertgefühl. Die eigene Meinung über einen selber, kann als Motor für kriminelles Verhalten dienen, wenn diese Selbstbetrachtung nicht positiv ausfällt.

Es liegt in der Natur der Dinge, dass es notwendig ist ein Gegenbeispiel einen Ankerpunkt zu finden, um etwas zu definieren. Wie würde man den Tag ohne die Nacht erkennen, Glück ohne das Unglück? Der Mensch orientiert sich an anderen und nutzt andere, um sich abzuheben. Gleichzeitig wünscht er sich ein positives Selbstwertgefühl, will sich und seine Gruppe in einem guten Licht sehen. Hieraus ergibt sich das Bedürfnis nach einer Feindgruppe, nach einem leichten Opfer, dem man seine eigene Person gegenüberstellen und hervorheben kann. Umso größer die eigene, ggf. unbewusste Unzufriedenheit, umso heftiger auch die Verachtung und aggressiven Handlungen, die zur Kompensation nötig sind. Vom Phänomen des Mobbings bis zu physischen Übergriffen, eigene Unsicherheit und Frustration gepaart mit einem schwachen Selbstwertgefühl sind häufig die Ursache. Viele Sexualdelikt basieren bspw. auf dem Bedürfnis des Täters sich selber zu bestätigen. [5]


„Manch einer »liebt seinen Nächsten wie sich selbst«, andere hassen und verachten ihren Nächsten wie sich selbst“ (Musolff/Hoffmann)


Ein überzogenes Selbstwertgefühl, Auslöser für Egoismus und Egozentrik, bis hin zu einem geringen Grad an Emphatie sind insofern zentral für die allgemeinen Persönlichkeitsmerkmale von vielen Verbrechern.

Psychische Störungen und Kriminalität
Abseits von der generellen Personlichkeitseigenschaften, finden sich des weiteren eine Reihe von psychischen Störungen – also krankhafte Beeinträchtigungen der Emotionen oder des Denkens – die bei der Erklärung von Kriminalität helfen können. Hierbei fällt schnell auf, dass die folgenden Störungen oft auf den gleichen Merkmalen basiert, die auch oben genannt wurden und dass diese nun lediglich klinisch bedeutsame Ausmaße und Intensitäten annehmen.

Nicht oft genug betont werden kann allerdings, dass auch hier von einem Risikofaktor die Rede ist, nicht von einer Prädisposition zur Kriminalität allein aufgrund der Einordnung in eine der folgenden Kategorien.

Narzissmus
Erstens ist das Syndrom zu nennen, das als Narzissmus weitläufig bekannt ist.
Solche Personen werden oft als egoistisch bezeichnet, als selbstdarstellerisch und arrogant.
Kennzeichnendes Element, aus dem sich all diese Merkmale erklären lassen, ist allerdings der Umstand, dass Narzissten eines hohen Maßes an äußerer Anerkennung und Verehrung bedürfen und sich selber in einem solchen Licht sehen. Diese Geltungssucht gibt ihnen starke Motivation, nimmt ihnen jedoch auch oft die Fähigkeit mit Kritik umzugehen und fügt üblicherweise ein ausbeuterisches Element dahingehend hinzu, dass der Narzisst seine Selbstbildung ohne Beachtung der Interessen seiner Umgebung verfolgt.
Die kriminologische Relevanz entsteht dann, wenn der Narzissmus als Antrieb zur Erreichung von beruflichen oder privaten Zielen dient und dabei eine gewisse Schwelle zur Bereitschaft für illegale Handlungen überschritten wird. Die Überzeugung eine bestimmte Position im Leben zu verdienen und die Missachtung der Interessen Dritter auf dem Weg dahin, sind in dieser Hinsicht eine gefährliche Kombination.
[6]

Dissoziale Störung
Wie der Name schon andeutet, wirkt sich die Dissoziale Störung auf das Sozialverhalten des Betroffenen aus und beeinflusst dessen Einstellung zu anderen Menschen und deren Regeln.

Eigenschaften wie Empathielosigkeit, die Tendenz zur Normmissachtung und die Unfähigkeit soziale Bindungen einzugehen begleiten sie. Gefühlskälte erscheint insofern ein passendes Stichwort.

Dies heißt allerdings nicht, dass es dem Betroffenen notwendigerweise an Charme, der Möglichkeit Bekanntschaften zu schließen oder der Fähigkeit zur Manipulation der Gefühle Anderer fehlt. Es geh hier um die tiefere Bindungs- und Sozialfähigkeit. Insbesondere darf kein missverständlicher Schluss zu den Ausführungen zur Intraversion, oder des „seltsam wortkargen Typen in der Ecke“ gezogen werden. Ein introvertierter Mensch wird auf den ersten Blick vielleicht abweisend und kühl wirken, ohne es aber in seinem Wesen zu sein.
Umgekehrt kann so mancher tatsächlich Gefühlskalter an der Oberfläche äußerst charmant und zuvorkommend erscheinen.


„Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ (Shakespeare)


Ferner erschweren es auch mangelnde Lernfähigkeit und eine gewisse Impulsivität, Aggressivität und Rücksichtslosigkeit sich in das soziale Gefüge einzuordnen.

Da der Konflikt mit der restlichen Gesellschaft insofern eine kaum vermeidbare Folge dieser Störung ist, ist auch das Kriminalitätsrisiko ungewöhnlich deutlich zu erkennen.
[6]

Bipolare Störung
Betroffene der Bipolaren Störung wandeln gewissermaßen zwischen zwei Welten, zwei Extremen.

Einerseits können sie sich auf einem Höhenflug wähnen, in dem sie scheinbar nichts aufhalten kann. Sie sind selbstbewusst, kommunikativ, risikofreudig, leistungsbereit und glauben wenig schlafen zu müssen. Regelmassig zeigt sich bereits bei diesen – auf den ersten Blick positiven – Punkten ein erster Schatten. Diese gehobene Stimmung fuhrt schnell zu einer gewissen Unruhe und geistiger Sprunghaftigkeit.

Die Kombination von übersteigertem Selbstbewusstsein und zielgerichteter Energie kann außerdem schnell negative Folgen haben, da viele Tätigkeiten, die daraufhin angegangen werden, im Übermaß betrieben weder gesundheitlich, wirtschaftlich oder privat nachhaltig sind.

Das zweite Extrem betrifft depressive Aspekte, die eine entsprechend niedergeschlagene Stimmung, verminderte Lebensfreude und ggf. Schuldgefühle mit sich bringen. Dies fuhrt zu Antriebslosigkeit, Interesselosigkeit und körperlichen Folgen, wie Schlaflosigkeit und Gewichtsverlust.

Diese emotionale Instabilität wirkt sich entsprechend belastend auf den Betroffenen aus, was sich in einer hohen Suizidrate ausdruckt, aber auch von kriminologischer Relevanz sein kann.
[6]

Boderline Störung
Ebenfalls emotionale Instabilität bringt die Boderline Persönlichkeitsstörung mit sich.
Diese Instabilität bezieht sich auf das Verhältnis zu anderen, den eigenen Gefühlen oder dem eigenen Selbstbild. Insbesondere ein zwischen den Extremen wechselndes Verständnis anderer Menschen und der eigenen Person und widersprechende Ängste – etwa gleichzeitig vor Nähe und vor dem Alleinsein – bewirken ein chaotisches und wechselhaftes Wesen mit geringer Impulskontrolle.
Dies führt insofern zu impulsiven Handlungen, die Straftatbestände darstellen können, wenn sie von starker Wut begleitet sind, die sich ebenfalls aus dem Syndrom ergeben kann.
[6]

Schizophrenie
Schizophrenie, das wohl bekannteste Störungsbild, ist ein weitreichendes Thema. In Grundzügen zeichnet es sich durch eine Störung der Wahrnehmung oder des Denkens aus. Am geläufigsten ist hier wohl das berühmte Hören von „Stimmen“ und das Verfallen in einen Wahn bspw. einen Verfolgungswahn. Viele der Ausprägungen und Folgen der Störung sind kriminologisch irrelevant, da es in großem Masse auf die Art der Beeinträchtigung ankommt. Gleichwohl können manche fehlerhaften Vorstellungen über die Wirklichkeit zu überstürzten oder in sonstiger Weise schädlichen Handlungen führen.
[6]

Sadismus
Bei der letzten Kategorie handelt es sich gemäß der ICD 10 Klassifizierung nicht um eine Störung in der Persönlichkeit, sondern um eine Störung der Sexuaplräferenz. Sie ist gekennzeichnet durch den Lustgewinn durch die Demütigung oder das Zufügen von Schmerzen bei einem anderen. In einigen Fällen ist dies die Antriebskraft für Sexualdelikte, sodass der sadistische Täter nicht ohne Grund seinen eigenen Platz in der Typisierung von Sexualstraftätern hat.
[6]

Fazit
Zusammenfassend vermögen daher die obigen Merkmale sowohl für das Kriminalitätsrisiko psychisch kranker als auch für nicht kranke Täter von Bedeutung sein.

Dies betrifft jede Eigenschaft aus den als relevant gekennzeichneten Teilen des ICD 10 – bspw. Empathie, Geltungssucht und Egoismus – die jeder in unterschiedlichem Maß in sich trägt und die bei einigen sogar klinisch relevante Züge annehmen. Aus diesem Bereich treten zudem nicht abstufbare Risikofaktoren wie Sadismus oder Schizophrenie hinzu.

Das Vermögen zur Selbst- und Impulskontrolle, das bereits oben in Eysencks Modell erwähnt wurde und die Stabilität des eigenen Selbstwertgefühls erlauben die Liste an relevanten psychologischen Konzepten abzuschließen.

Wenig Empathie, Geltungssucht und Egoismus, sowie psychisches Ungleichgewicht, Labilität und Reizbarkeit gepaart mit einem schwachen oder überzogen starken Selbstwertgefühl charakterisieren daher in vielen Fällen den Verbrecher und führen zu Konflikten.

Grundanlagen in der Persönlichkeit können insofern in den meisten Kriminalitätsfeldern unterstützend wirken, nichtsdestotrotz darf auch die Bedeutung der Umwelt keinesfalls unterschätzt werden.

 

[1] Myers Psychologie S. 569ff.
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Ebd.
[5] Vertiefend hierzu etwa Musolff/Hoffmann Täterprofile von Gewaltverbrechen.
[6] ICD-10; Musolff/Hoffmann Täterprofile von Gewaltverbrechen.

 

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