5. Neutralisation und Rational Choice

 

Neutralisation
Das Verhältnis des Verbrechers zu den sozialen Normen und dem gesellschaftlichen Wertesystem ist von entscheidender Bedeutung für die Kriminologie.

Auf den ersten Blick scheint diese Beobachtung trivial. Es ist doch offensichtlich, dass dies kein gutes sein kann, schließlich zeichnet sich Kriminalität gerade durch das Brechen dieser Normen aus.

Gleichwohl stellt sich dies keineswegs in solch einfachen Kategorien da. Auch ein Verbrecher lehnt das gesamte Wertesystem der Gesellschaft nicht notwendigerweise in seiner Gesamtheit ab, er betrachtet sich selber nicht immer als „Verbrecher“. [2]

Würde man einer solch klaren Zweiteilung in Akzeptanz oder klare Ablehnung der sozialen Normen annehmen, würde der Umstand unerklärlich erscheinen, dass manche Diebe sich von der Bezeichnung „Dieb“ angegriffen fühlen oder dass ein Mörder auf einen Vergewaltiger herabschauen kann, obgleich sein Unrecht das höhere ist.

Tatsächlich ist das Selbstbild des Kriminellen regelmäßig ein positives, das sich im Prinzip durchaus an den grundsätzlichsten Ansichten der Gesellschaften orientiert. Handlungen, die dem eigentlich widersprechen müssten, werden daher relativiert, um das Selbstbild nicht zu schädigen. Ein psychologischer Schutzreflex, den man auch Neutralisation nennt. [3]

Eine erste Strategie besteht etwa darin das soziale Umfeld als Rechtfertigung für eine Straftat anzuführen und so die Schuld von sich auf andere bzw. auf die „Umstände“ zu weisen.
Weiterhin kann der Täter auch den Schaden an sich negieren, etwa wenn es der Staat ist, eine anonyme Gruppe oder ein vermögendes Opfer, die den Verlust ohnehin nicht spüren würden. Das Opfer könnte drittens auch selber die Schuld tragen und sich die Tat gewissermaßen selber zuschreiben zu haben. Etwa durch eine vorangegangenen Provokation – im Auftreten oder Verhalten, aber auch durch das bloße Tragen aufreizender Kleidung – auf die der Täter nur reagiert hat bzw. reagieren musste. [4]

Schlussendlich verlassen manche Verbrecher die Tatsachenebene, um eine die Tat normativ zu neutralisieren. Hierzu wird die Strafverfolgung oder die Gesetze abgelehnt – etwa als korrupt oder parteiisch –, oder es wird sich auf höhere Gesetze oder Rechte berufen – Gerechtigkeit allgemein, das Recht des Stärkeren oder göttliche Gebote – um sich selber auf eine höhere moralische Ebene zu begeben und das Selbstbild auf diese Weise zu schützen. [5]

Dies erklärt insofern warum Verbrechen fortdauern und wie ein „schlechtes Gewissen“, das ein potentieller Resilienzfaktor wäre, vermieden wird.

Rational Choice
Ein weiterer Faktor, der von Interesse ist, stellt die Art der Entscheidungsfindung da, der sich ein potentieller Täter gegenübersieht.

Eine Vielzahl von Taten geschehen aus dem Affekt heraus, sodass es Sinn macht nach den Ursachen zu forschen wie solch starke Emotionen überhaupt entstehen und sich auf diese Weise entladen konnten. Doch nicht jedes Verbrechen geschieht ohne im Vorfeld darüber nachzudenken. Hier setzt nun die Rational Choice Theorie an und bedient sich dabei des auch aus der Betriebswirtschaft bekannten Modells des Homo Oeconomicus, des rational kalkulierenden Menschen. [6]

Bezogen auf das Verbrechen sieht sich dieser Mensch den Vorteilen gegenüber, den dieses mit sich bringen kann und den Nachteilen. Vermögen diese nun den Vorteilen nicht aufzuwiegen, findet sich hier eine logische Erklärung, warum er zur Tat schreitet. Umso höher also die erwartete Beute oder der sonstige Gewinn und desto wahrscheinlicher ihre Erlangung ist, desto wahrscheinlicher die Tat. Hohe Strafen und vor allem eine hohe Entdeckungswahrscheinlichkeit – Studien zeigen, dass diese den Einfluss der Strafhöhe bei weitem Übersteigt – wirken dem wiederum entgegen. [7]

 

[1] Kunz 2011 Kriminologie S. 113ff.
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6] Bock 2013 Kriminologie S. 71ff.
[7] Ebd.

 

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