3. Ist der Hang zum Verbrechen erlernbar?

 

Die Fähigkeit uns an unsere Umwelt anzupassen, uns zu entwickeln und mit jedem Tag erfahrener, stärker und besser zu werden ist eine der wichtigsten Eigenschaften des Menschen. Tatsächlich gehört es sogar zu den Merkmalen, die alle Lebewesen mehr oder weniger bewusst teilen.

Offensichtlich wird dieser Begriff primär genutzt, um das Erlernen von Wissen und dem Ausbilden von Fähigkeiten zu beschreiben. Doch wir sieht es mit Werten, Überzeugungen und Interessen aus?

Vieles spricht dafür anzunehmen, dass wir von unseren Erlebnissen vom ersten Atemzug an umfänglich geprägt werden. Ein besonderes Ereignis in der Kindheit vermag das restliche Leben zu beeinflussen, genauso eine Fülle kontinuierlicher Erfahrungen. Dies können eine bestimmte Person, ein Ereignis oder ein einzigartiges Buch sein aber auch unzählige Stunden, in denen wir an etwas arbeiten oder in denen uns etwas erzählt wird.

Was nun wenn diese Ereignisse mit Kriminalität zusammenhängen würden? Kann nicht nur eine bestimmte Vorgehensweise – etwa die richtige Handhabung eines Dietrichs – erlernbar sein, sondern auch der Hang diesen überhaupt benutzen zu wollen und die Neigung diese Tätigkeit regelmäßig zu betreiben?

Lernen am Erfolg
Insofern lohnt sich ein Blick auf die verschiedenen psychologischen Lernmodelle.

Eine Möglichkeit zum Erlernen von etwas Neuem besteht in dem bekannte Prinzip Versuch und Irrtum bzw. in dem Zusammenhang von Handlung und Erfolg.

Durch das Registrieren einer Konsequenz, die unmittelbar auf eine Handlung erfolgt, vermag ein Zusammenhang zwischen den beiden Elementen hergestellt werden. Spätestens ab einer gewissen Häufigkeit mit der eine bestimmte Konsequenz auf eine bestimmte Handlung folgt, nehmen Lebewesen üblicherweise eine Kausalität an.[1]

Die Einschätzung der Konsequenz als angenehm oder nicht, beeinflusst wiederum die Bewertung der Handlung und entscheidet ob sie in Zukunft getätigt oder unterlassen wird. [2]

Ein Beispiel: Ein Hund befindet sich in einem Käfig, der über einen Schalter verfügt. Betätigt das Tier – unabsichtlich oder aus Neugier – den Schalter, erhält es Futter. Es wird nicht lange dauern, bis der Zusammenhang Schalter betätigen (Handlung) führt zu Futter (Ergebnis) erkannt wird. Da dies ein positives Resultat ist, wird der Hund in Zukunft öfter und absichtlich den Schalter betätigen. Er hat gelernt.

Auf den Menschen, insbesondere den Verbrecher, übertragen bedeutet dies, dass eine Belohnung als Folge einer bestimmten Handlung die Wahrscheinlichkeit weiterer derartiger Handlungen erhöht.

Konkret gesagt: verläuft der erste Einbruch eines Diebes aus seiner Sicht positiv – er wird nicht gefasst und kann eine zufriedenstellende Beute sicherstellen – führt dies zu einer unterbewussten Verknüpfung dahingehend, dass sich Diebstahl lohnt. Wenn keine anderen Faktoren dagegensprechen, wird er es daher auch in Zukunft wieder tun wollen. Lernt jemand in einem anderen Beispiel, dass der Einsatz von Gewalt und Aggressivität zielführend ist, etabliert er diese Eigenschaften. [3]

Zusammenfassend gibt dies immerhin eine Erklärungsmöglichkeit warum manche Verbrecher nach einer ersten Tat – die durch Neugier, finanziellem Zwang oder anderen Punkten ausgelöst sein kann – ihre Tätigkeit so lange ausüben, bis sie genügend starke negative Konsequenzen zu spüren bekommen oder aus anderen Gründen davon Abstand nehmen.

Lernen durch Beobachtung/ Lernen am Modell
Warum allerdings entwickelt sich dieser Hang überhaupt, bzw. ist auch die Neigung zu jener ersten Tat erlernbar?

Wollte man alleine die Ergebnisse aus der bisherigen Lerntheorie als Ursache für die erste Tat zulassen, scheint sich diese Frage tatsächlich wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei zu verhalten.

Versuche zeigen allerdings, dass Lebewesen nicht nur durch die Beobachtung der Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen lernen können, sondern auch durch die Beobachtung ihrer Umwelt an sich und durch die Aufnahme der Reize, die aus ihr strömen.[4]

Die Handlungen und Eindrücke müssen also nicht zwangsläufig vom dem Individuum selber ausgehen, solange es sie anschließend nachahmt.

Als weiteres Beispiel kann hier so mancher Hund genannt werden, der nach einiger Zeit in der Lage ist eine Tür zu öffnen. Obgleich er sich sicher nicht zufällig selber auf die Hinterbeine gestellt hat, um mit der vorderen Pfote die Klinge hinunter zu drücken, hat er dieses Verhalten und das positive Resultat oft bei anderen beobachtet und kann es anschließend selber anwenden.

Hier treten insofern kognitive Aspekte hinzu, da die beobachteten Erfahrungen gespeichert und nach Abschluss der Beobachtung erst auf die eigene Situation projiziert werden müssen.

Zusammenfassend wird eine Person als Vorbild gekennzeichnet, sie und ihr Erfolg als positiv angesehen und das Verhaltensmuster kopiert. [5]

Bedenkt man die Bedeutung und Reichweite des kognitiven Aspekts, wird außerdem deutlich, dass nicht nur bloße Handlungen erlernt werden können.

Auch komplexere Konzepte wie Werte, Einstellungen und Interessen der Vorbildperson können erkannt, bewertet, übernommen und angepasst werden. Dies gilt ebenso für eine Tendenz zur Aggressivität und Gewalt. Steht die Vorbildperson den sozialen Regeln in der Gesellschaft daher nicht positiv gegenüber, entwickelt sich auch beim Beobachter eine kriminelle Neigung. [6]

Differentielle Assoziation und early starters
Dies bietet uns insofern das psychologische Grundgerüst für die Erkenntnis, dass die Umwelt den Menschen beeinflusst. Wir nehmen von ihr das auf, was uns positiv erscheint.

Dementsprechend fügt sich hier nahtlos der erste Moment an, bei dem der Fokus vom Täter selber weg und zu anderen Personen hin wandert.

Nach Edwin Sutherlands Theorie der differentiellen Assoziation spielt hierbei der Kommunikationsprozess des Einzelnen mit seinen Kontakten, seinem Umfeld, eine wesentliche Rolle.[7]

Auf diese Weise kann er von ihnen sowohl kriminalitätshemmende als auch begünstigende Verhaltensweisen und Einstellungen lernen. Dementsprechend beeinflusst die Zusammensetzung des Umfelds die Tendenz in der der Einzelne beeinflusst wird.[8]

Gleichzeitig unterstützen auch die psychologische Tendenz zur Konformität und Nachahmung unseres Umfelds und sozialen Netzes das Übernehmen krimineller Verhaltensweisen.[9]

Die „falsche Freunde Theorie“ aus dem Alltag geht insofern in die richtige Richtung. Umso mehr kriminelle Vorbilder dem Menschen in seinem Umfeld zur Verfügung stehen desto gefährdeter ist er.

Dieses Lernen beginnt allerdings nicht erst im Freundeskreis. Bereits im frühen Alter werden anhand des Beispiels der Eltern und dessen Umgang mit dem Kind und untereinander, sowie im Bezug auf Dritte, Verhalten und Einstellungen gelernt. [10]

Exkurs: Einfluss der Persönlichkeit
Allerdings wird auch hier deutlich, dass komplexe Hintergründe sich oft nicht nur durch eine Faktor erklären lassen. Es gibt genügend Beispiele von Menschen, die in noch so kriminalitätsbelasteten Umgebungen aufwachsen und dennoch eine starke Moral entwickeln. Gleiches gilt für das Gegenteil.

Dies kann sich zum einen durch den Einfluss anderer Faktoren und Theorien, die ebenfalls begünstigend oder hemmend wirken, erklären.

Zum anderen braucht man aber auch hier die Lerntheorien nicht zu vergessen, sondern kann sie mit den Erkenntnissen zur Persönlichkeit aus dem letzten Beitrag verknüpfen.

Wie dort festgestellt wurde, wird in Eysencks Persönlichkeitsmodell zwischen dem Grad an Intraversion und Extraversion unterschieden, was wiederum die Menge an Reizen, die das Individuum sucht, beeinflusst. Dies bewirkt den Effekt, dass Intraversion in einem kriminalitätsbelastenden Umfeld eine Schutzwirkung entfaltet, da weniger kriminelle Vorbilder und Reize aufgenommen werden. Umgekehrt kann Extraversion in einem anderen Kontext dazu führen, dass viele kriminalitätshemmende Erfahrungen gemacht werden. [11]

Kurzzusammenfassung
Menschen handeln aufgrund von positiver Rückmeldung auf bisherige Handlungen.
Sehen sie ein Vorbild in ihrem Umfeld, das Erfolg hat, werden sie sein Wesen kopieren.
Gibt es genügend kriminelle Vorbilder, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit selber kriminelle Verhaltensweisen und Einstellungen zu lernen und zu behalten. Gleichwohl spielen auch andere Faktoren eine Rolle.

 

[1] Myers 2014 Psychologie S. 289ff.
[2] Ebd.
[3] Bock 2013 Kriminologie S. 52ff.
[4] Myers 2014 Psychologie S. 289ff.
[5] Ebd.
[6] Ebd.
[7] Ebd.
[8] Bock 2013 Kriminologie S. 52ff.
[9] Ebd.
[10] Ebd.
[11] Myers 2014 Psychologie S. 289ff.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *