6. Die Etikettierung durch die Gesellschaft

 

Eine völlig andere Perspektive zu Kriminalität nimmt ein als Labelling Approach bekannter Ansatz ein. Anstatt Gründe für Verbrechen im Verbrecher zu suchen, fragt er nach der Rolle der Gesellschaft und der Strafverfolgungsorgane und weist darauf hin, dass „Verbrecher“ nur eine Bezeichnung durch die Gesellschaft ist.
Sein Hintergrund liegt in der Konstruktion eines selbst über die Interaktionsprozesse mit anderen bzw. in der Bedeutung von Zuschreibungen für die eigene Wirklichkeit. [1]

Begeht ein Mensch eine Straftat – ggf. bereits in seiner Jugend vor dem Hintergrund der Ubiquität der Jugendkriminalität – und wird gefasst, so bekommt er die Auswirkungen der Sozialkontrolle zu spüren. Neben den physischen Auswirkungen wie Haft- oder Geldstrafen betrifft dies auch das, was als „soziales Unwerurteil“ bezeichnet wird. Die Etikettierung als Straftäter trägt einen eigenen Tadel in sich und kann das Individuum nach dieser Theorie auch in die Zukunft beeinflussen. [2]

Insbesondere wenn er in seinem Umfeld eine ähnliche Zuschreibung erfährt, etwa durch gut gemeinte, spöttische oder sogar anerkennende Kommentare und Reaktionen, besteht das Risiko, dass er diese Zuschreibung übernimmt. Er versteht sich auch in Zukunft als „Verbrecher“,nimmt diese Rollenerwartung an und begeht weitere Taten, was wiederum die Richtigkeit der Zuschreibung scheinbar bestätigt. [3]


„When you change the way you look at things, the things you look at change“ (Max Planck)


Hintergrund für diesen Effekt liegt in der Art der Informationsaufnahme des Menschen im Bezug auf sein Selbstbild, die von seiner Umgebung geprägt ist.

Die Wirklichkeit konstruiert sich durch Interaktionsprozesse mit anderen und einer gemeinsamen Übereinkunft über bestimmte Tatsachen. (Weiterführend Symbolischer Interaktionismus) Heißt wenn das Umfeld – das die Definitionshoheit hat – annimt, ein Mensch sei kriminell, dann ist er es auch, alleine aus diesem Grund. Entsprechend wird er sich verhalten, im Einklang mit der gegenseitigen Abstimmung der Menschen aufeinander. [4]

Aber auch wenn das Individuum selber die Rollenerwartung nicht annehmen sollte, kann sie dennoch andere beeinflussen und dazu führen dass grenzwertige Handlungen in einem kriminellen Licht interpretiert werden.

Ebenfalls bedeutsam ist, dass sich auf diese Weise Prädispositionen der Gesellschaft und der Strafverfolgungsorgane selber erfüllen. Wird davon ausgegangen, dass eine bestimmte Gruppierung eine höhere Kriminalitätsaffinität hat, beeinflusst bereits diese Annahme und die Zuschreibung als solche das Ergebnis. [5]


„The Reaktion can sometimes cause the action“ (Star Trek)


Dementsprechend verdeutlicht dieses System der sozialen Zuschreibungen, dass soziale Normen und das Wesen der Menschen nicht in Stein gemeißelt sind. Es lohnt sich insofern stigmatisierende Wirkungen eigener Reaktionen als Ursache im Blick zu haben. [6]

Kurzzusammenfassung
Der Begriff „Krimineller“ ist nur eine Zuschreibung der Gesellschaft.
Diese Zuschreibung für sich kann den Menschen selber und sein Umfeld dahingehenden beeinflussen, dass er sich auch in Zukunft entsprechend verhält bzw. so behandelt wird.
Das Etikett „Verbrecher“ wirkt daher wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.

 

[1] Bock 2013 Kriminologie S. 67ff
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Kunz 2011 Kriminologie S. 162ff.
[5] Ebd.
[6] Ebd.

 

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