1. Der geborene Verbrecher?

 

„Er hat es einfach im Blut“, so oder so ähnlich erklären wir Tag für Tag besondere Leistungen unserer Mitmenschen. Tatsächlich entspricht es sogar der Definition von Talent, in Abgrenzung zur Fähigkeit, dass damit etwas Naturgegeben beschrieben wird. Folglich scheinen wir die Möglichkeit genetisch bedingter Dispositionen bis zu einem gewissen Grad anzuerkennen.

Diese Sicht stellt eine der ersten Herangehensweisen an das Verbrechen dar, die wir betrachten wollen.

Im 19. Jahrhundert ging man davon aus, dass manchen Menschen schlichtweg „verdorben“ seinen – beflügelt durch das Aufkommen von Darwins Evolutionstheorie – gewissermaßen ein Rückschritt in der menschlichen Entwicklung.[1]

Cesare Lombroso, einer der ersten die sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzten, glaubte zudem äußere Merkmale für einen solchen Atavismus zu erkennen.

Diese Merkmale – auch somatische Marker genannt – sah er beispielsweise in hohen Wagenknochen, dichten Augenbrauen oder hagerem Wuchs. Seine Ergebnisse fußte er allerdings auf die Untersuchung einer kleinen Anzahl an Gefängnisinsassen, ohne eine Kontrollgruppe in der restlichen Bevölkerung zu nutzen.[2]

Die Eigenschaft dieser äußeren Merkmale als Erkennungsmerkmal speziell für Kriminalität ist daher gerade nicht bewiesen worden, ein Zusammenhang – eine Korrelation – ist auch bis heute nicht ersichtlich. Dies heißt aber nicht, dass das Aussehen im Alltag nicht immer noch ohne wissenschaftliche Basis als Kriterium für Vertrauenswürdigkeit herangezogen wird.

Was jedoch den „geborenen Verbrecher“ angeht, so musste man tiefer gehen.

Genetik
Die logische Folge war einen Blick auf die Genetik zu werfen, um gegebenenfalls ein „Verbrecher-Gen“ oder eine Genanomalie zu identifizieren. Eine Weile glaubte man ein überzähliges Y-Chromosom bei einer Auswahl besonders aggressiver Männern identifiziert zu haben, doch die geringe Verbreitung dieser Anomalie unter Berücksichtigung der Ausbreitung und vielfaltigen Formen des Verbrechens lassen dies kaum als hinreichende Erklärung gelten.[3]

Auch für sonstige Forschungen gilt, obgleich sicher vieles in den Genen verborgen ist, wird dies kaum ein „Verbrecher Gen“ sein.[4] Vielmehr ließe sich höchstens eine genetische Basis für eine der folgenden Ausprägungen finden.

Hormone
Studien zeigen, dass das Gehirn über einen bestimmten Botenstoff – der Neurotransmitter Serotonin – verfügt, der normalerweise bei Glück ausgeschüttet wird und Ruhe und Zufriedenheit bewirkt. Ein niedriger Serotoninspiegel scheint jedoch eine Zunahme von Aggressivität hervorzurufen. Das für den Abbau dieses Stoffes, und auch für Dopamin und Adrenalin, zuständige MAO Enzym, ist genetisch bedingt und insofern von entscheidender Bedeutung für die biochemische Grundlage der Aggressivität des Einzelnen.[5]

Ebenfalls von Bedeutung für den hormonell bedingten Gefühls- und Aggressionshaushalt scheint außerdem eine vermehrte Testosteronausschüttung bzw. die Einnahme ähnlicher Stoffe (Anabolika) zu sein, die eine erhöhte Grunddisposition für Gewalt mit sich bringen.

Neurobiologie
Vielversprechend ist weiterhin der moderne Ansatz, der die heutigen Möglichkeiten der MRT Hirnforschung mit der Kriminalitätsforschung verbindet.

Es wird mittlerweile davon ausgegangen, dass verschiedenen Hirnarealen bestimmten Funktionen zugewiesen sind und dass dementsprechend – aufgrund der stärkeren oder schwächeren Ausprägung von relevanten Zentren – bei einigen Personen eine höhere Kriminalitätsneigung vorliegt.[6]

Wegweisend war hierzu der Unfall des Bahnarbeiters Phineas Gage, der, nachdem ein Teil seines Kopfes schwer verletzt wurde, deutlich aggressiver in seinem Verhalten wurde.

Nach intensiver Forschung scheint erwiesen, dass ein bestimmtes Gebiet im Inneren des Gehirn – die Amygdala, ein Teil des Limbischen Systems – für starke Emotionen und Regungen, wie bspw. die Angst, verantwortlich ist. Dementsprechend heftig und erregt können manche Menschen mit sehr aktiver Amygdala reagieren, wenn sie sich mit starken Stressfaktoren konfrontiert sehen. Was im Rahmen des Risikos für Affektkriminalitat und Gewaltbereitschaft interessant ist.[7]

Ebenfalls von Bedeutung sind Teile des Limbischen Systems aber auch für unsere Gefühle für andere, insbesondere für das Mitgefühl. Mitgefühl für das Opfer und die gleichzeitige Schädigung desselben gehen allerdings selten Hand in Hand. Eine extrem schwache Ausprägung der Emphatieregion des Täters kann daher die Kriminalitätsbereitschaft erhöhen, bis hin zur typischen „Gefühlskalte“, die man bei manchen besonders schweren Verbrechen bemerkt.[8]

Als Gegenpol zu starken Gefühlen fungiert wiederum der frontale Stirnlappen – der Präfrontale Kortex -, den man als Basis der Verhaltensteuerung und Selbstbeherrschung vermutet und der dementsprechend relevant für die Selbstkontrolle in Stresssituationen ist. Es war dieser Bereich, der bei Phineas Gage beschädigt wurde und der dementsprechend seine Funktion als Impuls- und Emotionskontrolle nicht mehr erfüllen konnte.[9]

Fazit
Insofern lässt sich zusammenfassen, dass manche Menschen aufgrund ihrer Veranlagung durch unterschiedliche Gehinarrealausprägungen und Hormonspiegel eine erhöhte Bereitschaft zu aggressiven und emotionalen Handlungen haben oder auch zu wenig Mitgefühl für potentielle Opfer.

Dies wiederum sind Faktoren, die die Vulnerabilität des Einzelnen für manche Kriminalitätsarten erhöhen und die Resilienz verringern. Diese Menschen sind deswegen jedoch nicht automatisch vorbestimmt Verbrechen zu begehen, sie sind lediglich empfänglicher für bestimmte Situationen und Gemütszustände.

Das Konzept des „Geborenen Verbrechers“ muss sich daher von einer „tickenden Zeitbombe“ auf lediglich einen weiteren Risikofaktor in einer langen Liste von Faktoren und Risiken reduzieren lassen. Dennoch bietet die biologische Forschung einen soliden ersten Hinweis für die Erklärung von Grausamkeit, manchen Gewaltverbrechen und Affekttaten.

[1] Vertiefend Kunz Kriminologie S. 45ff.
[2] Kunz Kriminologie S. 46.
[3] XYY Syndrom, vertiefend Kunz Kriminologie S. 67ff.

[5] Markowitsch/Siefer Tatort Gehirn S. 117ff. 62.ff
[6] Welsh/Braga/Bruinsma Experimental Criminology S. 43ff.
[7] Markowitsch/Siefer Tatort Gehirn S. 117ff.
[8] Ebd.
[9] Ebd.

 

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