Stalking – Phänomenologie und Täterpersönlichkeit

 

Stalking, ein modernes Phänomen, dessen Grundlagen jedoch tief in die menschliche Psyche reichen. Man versteht darunter das übertriebene, unerwünschte Verfolgen und Belästigen von Anderen, was bei diesen in vielen Fällen großen emotionalen Stress und Unsicherheit hervorruft.

Im Rahmen des Stalkings fokussiert sich der Täter auf eine bestimmte Person, die er über längere Zeit verfolgt und überwacht. Zusätzlich bemüht er sich um kommunikative Nähe, indem er das Opfer mit häufigen Mails und Telefonanrufen – oder sonstigen Kommunikationsversuchen – überzieht.

Unterschiedlich gestalten sich allerdings die Zielrichtung und die Ursachen des Stalkings, die sich in zwei große Gruppen unterteilen lassen.

Nähesuchender Täter
Erstens der Stalker, der emotionale Nähe sucht und für den die Beziehung zum Opfer im Vordergrund steht.

Abgewiesener Verehrer
Es handelt sich einerseits um eine bereits einseitig beendete Beziehung, was der Täter jedoch nicht wahrhaben will.[1] Stattdessen verfällt er regelmäßig in tiefes Grübeln, gepaart mit emotionaler Überflutung[2] und sucht nun umso mehr die Nähe desjenigen, den er nicht haben kann. Hier spielt auch der psychologische Effekt eine Rolle, dass durch die psychologische Anpassung an den Ist-Zustand die Bedürfnisse verschoben wurden. D.h. Die Wichtigkeit der Beziehung wird dem Täter erst wieder bewusst, wenn er nicht mehr darüber verfügt. Damit dieser Zustand nicht nur vorübergehend ist und er zum Stalker wird, braucht es weiterhin eine besondere Disposition in der Persönlichkeit des Stalkers.

Das Selbstwertgefühl des Täters muss derartig ausgestaltet sein, dass die Zurückweisung für ihn unakzeptabel ist. Beim nähesuchenden Stalker – der im Gegensatz zur zweiten Kategorie weniger maligne, aggressive Tendenzen hat – wird dies in der Regel eine narzisstische Tendenz sein, die sich auf eine andere Person projiziert und diese zur eigenen Selbstbildung benötigt.[3] Bedeutet der Stalker hängt an seiner früheren Beziehung, da er sie bewundert und sie immer noch zu einem Teil seines Selbst zählen möchte.

Prominentenstalker
Der gleiche Antrieb kann anderseits auch für Stalker gelten, die keine vorangegangene Bekanntschaft mit dem Opfer haben. Regelmäßig handelt es sich dann um eine Person des öffentlichen Lebens, die das Objekt der Idealisierung darstellt.[4] Auch hier will der Täter Teil des Nimbus sein, der den Prominenten umgibt, und so seinen eigenen Selbstwert stärken.

Ein Wahn – etwa Erotomanie, die wahnhafte Überzeugung geliebt zu werden – kann den Täter zusätzlich antreiben und bestärken.[5]

Dominanzsuchender Täter
Der Stalker kann allerdings auch in einem aggressiveren Modus auftreten. In der Kategorie des dominanzsuchenden Täters geht es ihm nicht mehr um emotionale Nähe zum Opfer, sondern er will gezielt die Angst des Opfers hervorrufen, die mit dem Stalking einhergeht.

Abgewiesener Verehrer
Hier spielt der verstoßene Expartner auch eine Rolle,[6] wenn seine Persönlichkeit ebenfalls narzisstisch ist, jedoch nicht von fremder Idealisierung geprägt ist. Stattdessen benötigt der Täter – in der klassischsten Form des Narzissmus – die Bewunderung von außen, um seinen hohen Selbstwert zu sichern. Die Zurückweisung trifft ihn insofern hart, sodass das Überlegenheitsgefühl durch die Kontrolle über das Leben des Opfers eine nötige Kompensation darstellt.

Weiterhin ist diese Form des Narzissmus auch regelmäßig mit einem gewissen Anteil an Wut verbunden. Gleichwohl ist Stalking ein Delikt, das über längere Zeit andauert und ein gewisses Maß an Planungsvermögen benötigt. Dementsprechend ist der Täter nicht vollkommen ohne Impulskontrolle, sondern kann seine starken Emotionen vielmehr über einen gewissen Zeitraum kanalisieren und zielgerichtet zur Zerstörung des Opfers einsetzen.

Es ist davon auszugehen, dass dieser Typus des stalkenden Expartners deutlich häufiger auftritt als sein friedlicheres Pendant.[7]

Sonstiges Stalking aus Kontrolle und Wut
Weiterhin muss in dieser Kategorie die vorangegangene Beziehung nicht persönlicher Art gewesen sein, jede Art von Zurückweisung kann das Bedürfnis nach kompensierender Kontrolle oder schlichte Wut und Rache hervorrufen, wenn der Täter entsprechend anfällig und reizbar ist.

Es sind Fälle bekannt, in denen Täter von einem Wahn beeinflusst waren – etwa einen paranoiden, die den Täter dazu treibt sich gegen einen vermeindlichen Gegner mittels des Stalkings zu wehren –, der diese Reaktionen hervorrief.[8]

Sadismus/ jagdartiger „predatory“ Stalker
Zuletzt gibt es auch hier wieder Stalker, die keinerlei vorherige Beziehung zu ihrem Opfer haben, sondern dieses nach Verfügbarkeit und nach der Vereinbarkeit mit einem einfachen Opfertyp aussuchen. Etwa der sadistische Stalker. Sadismus ist als eine Störung der Sexualpräferenz klassifiziert, die sich durch den Lustgewinn durch die Zufügung von Schmerzen auszeichnet. Beim Stalking kann die lang andauernde Angst und Unsicherheit gepaart mit der Dominanz des Täters über die Situation ggf. dieses Bedürfnis erfüllen.[9]

Hiermit eng verbunden kann das Stalking auch als Vorstufe zu einem tatsächlichen Übergriff betrieben werden. [10]

Fazit
Insofern stellt sich Stalking entweder als Wunsch nach Nähe und einer Beziehung mit dem Opfer dar – wobei dieses Opfer regelmäßig ein ehemaliger Partner des Täters oder ein Person des öffentlichen Lebens ist –, oder als Bestreben nach Kontrolle und als Ausdruck von Wut, Rache oder Sadismus. Hierbei kann das Opfer den Täter im Vorfeld abgewiesen haben oder aus seinem sonstigen Umfeld stammen und auf beliebige Weise seine Wut auf sich gezogen haben, was das Bedürfnis nach Kompensation des verletzten Selbstwerts hervorrief.

Außenstehende können entweder als Resultat eines Wahns oder aufgrund ihrer Eigenschaft als leichtes Opfer für den sadistischen Täter involviert werden.

Verbindendes Element dieses Delikttypus ist jedoch in beiden Fällen fast immer das Selbstwertgefühl des Täters und stellt insofern den zentralen Ankerpunkt für diesen Delikttyp dar.

Bis auf den sadistischen und den wahnhaften Tätertyp ist das Stalking ein Resultat einer narzisstischen Tendenz, im Zuge dessen der Betroffene seinen Selbstwert durch Idealisierung oder Dominierung einer Bezugsperson steigern muss. Das Opfer soll diese Rolle erfüllen.

Unter Betrachtung der Anlage-Umwelt Relation als Ergebnis der Kriminalitätstheorien und als zentrale Ursache für Kriminalität, überwiegen hier die psychologischen Ansätze als Erklärung für Risikofaktoren. Es bedarf der entsprechend gearteten Persönlichkeit des Narzissten oder Sadisten, um zum Stalker zu werden, deren genaue Ausartung wiederum den Stalkertyp bestimmt.

Im Umkehrschluss kann daher bei genauer Kenntnis der Begleitumstände eines Einzelfalls aufgrund der Natur dieser Umstände ein Rückschluss auf den Typus des Stalkers und dessen persönlichen Hintergrund angestrebt werden.

 

[1] Hoffman Stalking S.67ff.
[2] Ebd.
[3] Vgl. zum Narzissmus: Köhn 1992 Psychoanalyse und Verbrechen s. 90ff.
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6] Hoffmann Stalker S. 67ff; vgl. zum Narzissmus: Köhn 1992 Psychanalyse und Verbrechen S. 90ff.
[7] Vgl. Mullen et. al. 2000 Stalkers and their victims.
[8] Hoffmann Stalker S. 67ff.
[9] Ebd.
[10] Mullen et. al. 2000 Stalkers and their victims.
vgl. auch Boon/Sheridan 2011 Stalker typologies: a law enforment perspective.

 

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