Sexualdelikte – Typologie

 

Zu den meist rezipierten und intensivsten Verbrechen gehören Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Die Motive und Hintergründe, die sich hinter diesen Taten verbergen sind auf den ersten Blick eindeutig und der Täter wird schnell zum personifizierten Bösen erklärt. Gleichwohl stellen sich die Ursachen in der Realität deutlich komplexer dar und erlauben die Differenzierung in eine Vielzahl von Tätertypen, die sich in Vorgehensweisen und Hintergründen merklich voneinander unterscheiden.

Machtmotivierter Täter
Bei einem ersten Typus dient die Tat nur als ein Mittel zum Zweck den Selbstwert des Täters zu bestärken. Es kann sich einerseits um einen offen selbstunsicheren Menschen handeln, meist unauffällig und zurückhaltend, der das Bedürfnis verspürt seine eigene Macht und geschlechtliche Identität durch die Dominanz über sein Opfer aufzubauen und für sich selber zu versichern.

Anderseits kann die gleiche Unsicherheit von einem Mantel aus äußerer Selbstsicherheit und typisch männlichen Attributen umgeben sein, die den Täter als machohaften Charakter ausweisen. Nichtsdestotrotz ist auch dieser stark auf äußere Bestätigung angewiesen, die er über die Tat gewinnt. [1]

Wutmotivierter Täter
Den zweiten Typus treibt große Wut und Rachegefühle auf die Gruppe an, zu der sein Opfer gehört. Diese Gruppe bezieht sich nicht nur auf das Geschlecht, sondern auf beliebige Merkmale, die das Opfer mit dem Objekt der Wut des Täters verbinden. In vielen Fällen wird hier eine Psychoanalyse Ereignisse in der Kindheit des Täters ans Licht fördern, die eine solche Wut hervorgerufen und geprägt haben. Das Verhältnis des Täters zum anderen Geschlecht ist regelmäßig von Bedeutung, etwa in Form seiner Mutter oder weiteren Bezugspersonen in der Jugend. Die Handschrift des Täters, insbesondere sein konkretes Opferprofil und der Einsatz von Symbolen, ist daher von diesen Hintergrund äußerst beeinflusst. [2]

Gleichwohl stellt sich die Tat bei diesem Typus in der Regel als brutal und von der Opferidentität unabhängig dar: Durch den hohen Wutgehalt trifft man häufig auf exzessive Gewalt ggf. sogar auf einen „overkill“, das Opfer ist oft depersonalisiert und durch den Einsatz von Symbolen auf das reduziert, gegen das sich die Wut des Täters richtet.

Sadismus
Ebenfalls von hoher Gewalt und oft von dem Tod des Opfers begleitet zeichnet sich die Tat des sadistischen Täters ab. Im Unterschied zum vorangegangenen Typ geht es hier nicht darum die eigenen, bestehenden Gefühle auszuleben, sondern um den Lustgewinn aus den Schmerzen des Opfers. Dessen Verletzung sind daher gezielt qualvoller gestaltet, das langsame Erwürgen ist in 60% der Fälle die bevorzugte Todesart, Verletzungen post mortem, sowie die Leiche des Opfers haben für den Täter im Unterschied zum vorangegangenen Typ regelmäßig keine Bedeutung. Stattdessen gestaltet sich die Tat nach einer spezifischen Fantasie des Täters, die sich nach und nach ausbildet, laufend präzisiert aber kaum voll befriedigend realisiert wird. Das Opfer wird insofern nach Verfügbarkeit und nach Vereinbarkeit mit dieser Fantasie ausgesucht und ggf. entsprechend als Projektionsfläche depersonalisiert. Sadismus ist als psychische Störung im ICD-10 klassifiziert. [3]

Gelegenheitstäter bzw. kriminelle Typ
Diese Kategorie des Sexualstraftäters handelt regelmäßig ohne konkrete Planung, sondern aus einer günstigen Gelegenheit heraus. Er ist wohl der unauffälligste Typ, bei dem die Tat keinen der oben genannte tieferen Hintergründe hat und sich in ein allgemeines Kriminalitätsgeflecht einordnet. Oft erfolgt die Tat spontan, etwa als Resultat geringer Impulskontrolle und Empathie bei günstiger Gelegenheit oder verbunden mit einer anderen Straftat, während der sich lediglich unerwartet eine Möglichkeit bietet. Der Täter wird daher eher in Bereicherungsabsicht Gegenstände vom Tatort mitnehmen (nicht als Erinnerungsstück) und kann mit genügend gesammelter Erfahrung bemüht sein anschließend seine Spuren zu verbergen und dem Opfer zu drohen. [4]

Intimität
Schlussendlich ist der letzte Typus ein Beispiel für die Vielfältigkeit, die Verbrecher aufweisen. In diesem Fall geht es dem Täter nicht um Macht oder Dominanz, im Gegenteil. Er strebt nach Nähe und Intimität, oder zumindest nach einem Ersatz hierfür. Dementsprechend sucht er häufiger das Gespräch mit dem Opfer, stellt Fragen oder entschuldigt sich gar. Ungewöhnlich oft tritt dieser Typ im Bezug auf Kinders als Opfer auf. [5]

Fazit
Die Hintergründe für Sexualstraftaten liegen daher oft – wie bei vielen anderen Verbrechen auch – in der Person, der Persönlichkeit und den Erfahrungen des Täters verborgen. Fühlt er sich genötigt seinen eigenen Geschlechterrollen entsprechenden Selbstwert zu bestärken oder erfuhr er selber in der Kindheit Gewalt, die er im Rahmen von Lerntheorien und introjektiven Verteidigungsstrategien nun selber übernommen hat und weitergibt? Oder fehlte es ihm an Nähe? Vielleicht verfügt er auch nur über eine schwache Impulskontrolle und wenig Emphatie?

Ein entsprechendes Umfeld, insbesondere sexistische und objektivierende Tendenzen im Bezugskreis kann dies weiter bestärken und das Gewissen des Täters mit Neutralisationsstrategien beruhigen.

Die Hintergründe sind daher vielfältig und produzieren regelmäßig einem anderen Tätertyp und ein anderes typischen Tatbild.

 

[1] Vgl. Niemeczek. Täterverhalten und Täterpersönlichkeit von Sexualdelinquenten S. 90ff.; Musolff/Hoffmann. Täterprofile bei Gewaltverbrechen.
[2] Vgl. Ebd.
[3] Vgl. Niemeczek. Täterverhalten und Täterpersönlichkeit von Sexualdelinquenten S. 90ff.
[4] Vgl. Musolff/Hoffmann. Täterprofile bei Gewaltverbrechen S. 77ff.; ICD-10 F 65.5.
[5] Vgl. Niemeczek. Täterverhalten und Täterpersönlichkeit von Sexualdelinquenten S. 57ff.

 

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