Persönlichkeit, Normakzeptanz und Kriminalität – ein Zusammenhang?

 

In der Kriminologie existiert bereits eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen, die als relevant für Kriminalität identifiziert wurden. Empathie, Egoismus oder Lernfähigkeit haben als hemmende oder begünstigende Faktoren unmittelbare Auswirkung auf das Risiko jedes Einzelnen die im Rahmen der Sozialisation übernommenen Normen zu brechen.

An dieser Stelle soll nun bereits während jenes Sozialisationsprozesses angeknüpft werden, um zu untersuchen, ob unterschiedliche Persönlichkeiten unterschiedliche Formen der Normakzeptanz praktizieren und wie sich dies auf die Bereitschaft zur Übertretung dieser Normen auswirkt.

Persönlichkeit und die Form der Normakzeptanz
Zur Identifizierung von Persönlichkeitsmerkmalen, die bei der Sozialisation von Bedeutung sind, bieten sich insofern solche Merkmale an, die bei der Verarbeitung von sozialen Normen relevant zu sein scheinen.

Ausgehend von Modellen wie Keirseys Temeperamentmodell [1] und allgemeinen Kategorisierungen von Persönlichkeitsmerkmalen, lassen sich mit dem Grad an Emotionalität und Rationalität, zwei Pole finden, die für diese Frage in Betracht kommen.

Konkreter handelt es sich hier um die innere Bereitschaft zur gefühlsbasierten Übernahme von Normen versus dem rationalen Reflexionsvermögen über diese.

Hieraus lässt sich folgende Hypothese ableiten:
Desto stärker die emotionale Verarbeitung von Erfahrungen in der Persönlichkeit verankert ist, desto eher werden soziale Normen in die Gefühlswelt des Individuums übernommen, sodass sich die Richtigkeit der Normen aus dem subjektiven Gerechtigkeits- und Anstandsgefühl des Einzelnen begründet. Eine Fokussierung auf rationale Elemente führt dahingehend zu einer stärkeren Reflexion über die Sinnhaftigkeit der Normen, mit der Folge, dass sich die Akzeptanz auf die Erkenntnis über deren Nützlichkeit stützt.

Relevanz für die Kriminalität
Dementsprechend unterschiedlich würde sich die Befolgung der Normen darstellen.

Die gefühlsbasierte Akzeptanz erzeugt eine innere Barriere, die Verhalten das außerhalb der Norm liegt als undenkbar und völlig fernliegend charakterisiert.

Reflexionsbasierte Akzeptanz lässt das gleiche Verhalten grundsätzlich als potentielle Handlungsmöglichkeit zu, kommt aber zu dem Schluss dass die mit gutem Grund gewählten sozialen Normen dieses Verhalten ausschließen.

Es scheint nun als wären diese beiden Tendenzen unterschiedlich stark in jedem Menschen ausgeprägt, was wiederum Auswirkungen auf die Gründe hat, die diese Normenverankerung erschüttern können.

Bezüglich einem Überwiegen des rationalen Typus, erscheint es naheliegend anzunehmen, dass ein Normbruch stattfinden kann, wenn ausreichend starke Faktoren in den Abwägungsprozess eingehen. Diese können sich – und hier findet sich eine Verknüpfung zur Rational Choice Theorie – aus hinreichenden Vorteilen für das Individuum ergeben, denen gegenüber der Sinnhaftigkeit der Norm zurückbleibt. Tatsächlich bildet dieser Persönlichkeitstyp bzw. diese Form der Normakzeptanz eine Voraussetzung für die Rational Choice Theorie, da sie den inneren Dialog über Vor- und Nachteile potentieller Handlungsalternativen erst ermöglicht. Ebenso ist zu bemerken, dass diese Herangehensweise empfänglicher für Veränderungen des Normengefüges ist und neue Werte schneller übernommen werden, sollten diese tatsächlich einmal für die Gesellschaft nicht mehr sinnvoll sein, da die emotionale Barriere des „das macht man halt nicht“ keine Rolle spielt.

Bei der emotionalen Komponente der Normverarbeitung wiederum fehlt genau diese Flexibilität. Insbesondere im Rahmen der Kulturkonflikttheorie, wenn in früher Kindheit erlernte Werte und Normen mit denen anderer in Widerstreit geraten, steht eine emotionale Barriere einem konfliktfreien Austausch nur im Weg.

Während die Rational Choice Theorie es dem rational verarbeitenden Individuum ermöglich zu erkennen, dass seine Ziele so nicht erreicht werden können, ist dieser Prozess beim emotional verankerten von emotionalem Frust und Ärger auf die Gesellschaft begleitet, wenn er sich in dem gegebenen Wertesystem in einem Möglichkeiten- und Zielkonflikt befindet. Mertons Anomietheorie ist also eher auf ihn anwendbar.

Marcel Iden

[1] www.keirsey.com