Segmentierung der Gesellschaft – Subkulturen

Die Unterteilung der Gesellschaft in Berufsgruppen in Bezug auf die Berufsethik oder in Schichten in Bezug auf Chancenverteilung und bedürfnisbedingte Ziele spielt in der Kriminologie eine große Rolle.

Eine Gesellschaft ist keine homogene Gruppe mit einer einzelnen Moral, gleichartigen Angehörigen und gleichartigen Kriminellen.

Stattdessen besteht sie aus einer Vielzahl von Untergruppierungen, deren Gemeinsamkeit das Leben in einem parallelen Wertesystem ist. Hierunter sind keineswegs nur regelrechte Gegenentwürfe zur Gesellschaft zu verstehen, sondern auch solche Gruppen deren Wertesystem in weiten Teilen mit dem der Hauptgesellschaft kompatibel bleibt.

Berufsgruppen etwa, die über ihre eigene Ethik und ihren eigenen für Außenstehende oftmals unverständlichen Verhaltenskodex verfügen, können genauso als Subkultur gesehen werden.

Insofern ist die Mitgliedschaft in einer Subkultur der Versuch des Einzelnen, sich an die Realität anzupassen, in Form der Teilnahme an der kollektiven Reaktion auf Anpassungsprobleme.[1]

Subkulturen mindern daher nicht nur den anomischen Druck, sondern geben dem Einzelnen Sicherheit, indem sie zusätzlich das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit zur Etablierung der sozialen Identität erfüllen.[2]

Dieses neue Wertesystem der Subkultur wirkt sich nun als Maxime für die Handlungen ihrer Mitglieder in gleicher Weise aus wie das alte. Hierbei ist es keineswegs zwingend, dass die hiervon bestimmten Handlungen aus Sicht der Hauptgesellschaft auch als kriminell gelten.

Auch eine Reihe von politischen oder religiösen Weltanschauungsgesellschaften erfüllen die obigen Merkmale und gelten zwar in der Regel als „abweichend“, aber nicht unbedingt als strafwürdig. Gleiches gilt für die allermeisten beruflich orientierten Gruppierungen, bis hin zu Unternehmen, die gelegentlich auch eine eigene „Unternehmenskultur“ und -Moral entwickeln.

Umgekehrt gibt es jedoch auch Subkulturen, deren Handlungen als Ganzes oder zum Teil sehr wohl als kriminell anzusehen sind und ihre Mitglieder in entsprechendem Verhalten bestärken, worin sich Frage der kriminalitätsfördernde Ursache der Mitgliedschaft in einer entsprechenden Subkultur klärt.

Dies betrifft nicht nur die organisierte Kriminalität, oder Gruppierungen innheralb derer bestimmte Taten „cool“ oder „üblich“ sind. Auch Unternehmen können umfasst sein, etwa wenn deren Mitglieder gemeinsam eine Wirtschaftsstraftat begehen, um ihre Konkurrenzfähigkeit am Markt zu erhöhen. Insbesondere, wenn im Unternehmen die gemeinsame Moral besteht, dass dies normal und notwendig sei.

Wenn nun allerdings von „kriminell“ gesprochen wird ist klarzustellen, dass Subkulturen – auch kriminelle Subkulturen aus Sicht der Hauptgesellschaft – nicht das Fehlen von Moral und einer Werteordnung bedeutet. Stattdessen entsteht innerhalb der übergeordneten moralischen Ordnung eine zweite, hiervon abweichende.[3]

Mitglieder dieser Gruppen verhalten sich daher per Definition durchaus normkonform, nur beziehen sich hierbei auf das eigene Regelwerk ihrer Subkultur und nicht auf das der Allgemeinheit. Kriminalität ist relativ zum angewandten Normensystem.

Subkulturen verfestigen dabei jedoch gesellschaftlichen Differenzen, indem sie anomische Auswirkungen nur noch verstärken und einen Kreislauf erzeugen. Siehe hierzu auch der Labelling Approach.

Weiterhin stellen sie regelmäßig das unmittelbare Umfeld des Einzelnen, sie bestimmen seinen Bezugskreis. Es besteht daher die Gefahr, dass im Rahmen der sozialpsychologischen Neigungen des Menschen, Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen übernommen, sprich gelernt, werden, die die restliche Gesellschaft ablehnt. [4]

Zudem birgt die starke Orientierung auf eine Gemeinschaft, insbesondere wenn diese autoritär organisiert ist, den Verlust der Individualität und die Gefahr einer Ichschwäche d.h. einer bedingungslosen Gefolgschaft zugunsten der Führer dieser Gemeinschaft.[5]

Besondere Subkulturen – Kulturkonflikte

Manche dieser Gesellschaftsteile, stehen in besonderer Weise im Vordergrund, wenn die Auswirkungen von abweichenden Wertesystemen innherhalb von Gesellschaftsschichten betrachten wird. Im Rahmen der s.g. Kulturkonflikttheorie rückt das Wertesystem von solchen Gesellschaftsangehörigen in den Fokus, die im Rahmen einer anderen Gesellschaft sozialisiert wurden.

Da die Kriminalisierung von Verhaltensweisen von der Gesellschaft abhängig ist, innerhalb der sie geschieht, kann das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Gesellschaften und deren Moralvorstellungen durchaus zu Diskrepanzen in Bezug auf die Bewertung einzelner Handlungen führen.

Ein Verhalten, das von der Moral einer ersten Gesellschaft erwünscht ist, kann in der zweiten nur noch geduldet und in einem dritten Normensystem sogar schon kriminalisiert werden. Entsprechende Frustration, Unsicherheiten und Missverständnisse entstehenden hierdurch bei den Angehörigen der einzelnen Gesellschaften und führen im schlimmsten Fall zu Kriminalität aus Unwissenheit oder fehlendem Anpassungsvermögen bzw. -Willen.[6]

Dies ist umso problematischer, umso tiefer die abweichenden Moralvorstellungen in der Sozialisation der Betroffenen verankert ist und sein Sozialverhalten bestimmt.

Während es noch einfach fällt sich bspw. auf unterschiedliche Ansichten in anderen Gesellschaften bezüglich der sinnvollsten Geschwindigkeitsbegrenzung im Straßenverkehr einzustellen, ist dies umso schwerer, je größer die Rolle ist, die ein bestimmtes Verhalten in der ursprünglichen Moral einnimmt bzw. je intensiver dieses eingeübt wurde.

Physische Ausprägungen der gesellschaftlichen Segmentierung

Ein Spiegel zur Relevanz der Subkultur für die Kriminalitätsaffinität des Individuums findet sich auch in der physischen Welt, was sich aus der Beobachtung ergibt, dass die oben erwähnte gesellschaftliche Teilung sich im Wohnort und der Aufteilung der Städte wiederfindet. Es gibt nicht nur verstreute Individuen, sondern ganze Gegenden mit ungünstigen Sozialstrukturen. [7]

Dies ergibt sich aus der psychologischen Neigung zur Bildung sozialer Gruppen und wird durch den Broken Window Effekt unterstützt. Das Umfeld des Einzelnen, gewissermaßen die Nachbarschaft, wird daher von Kindesbeinen am nicht nur soziologisch, sondern auch physisch bestimmt. [8]

Auch hieraus verdeutlicht sich bereits der bei der Subkultur angesprochene Kreislauf, insbesondere auch unter Beachtung des Einflusses von sozialpsychologischen Lernmodellen.

Schlussendlich verändert sozialer Wandel die Lebensgewohnheiten der Menschen, was ebenfalls ganz praktisch die Gelegenheiten für Kriminelle beeinflussen, indem sie das Zusammentreffen von Täter und Opfer bestimmten. Was tut das typische Gesellschaftsmitglied den Tag lang? Ist es zu Hause und kann so einen Einbrecher abschrecken, welche Verkehrsmittel nutzt es oder wie verbringt es den Abend? All dies kann relevant sein.[9]

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[1] Schwind, 2011 S. 147f.; Bock, 2013 S. 52ff. Kunz, 2011 S. 113.
[2] Kunz, 2011 S. 113f.
[3] Vgl. Bock, 2013 S. 53.
[4] Ebd.; Siehe auch Differentielle Assoziation und der vorherige Beitrag
[5] Vgl. Köhn Psychoanalyse und Verbrechen S. 57.
[6] Sellin, 1938;. Bock, 2013 S. 51f.; Kunz, 2011 S. 103ff.
[7] Kunz 2011 Kriminologie S. 118ff.
[8] Ebd.
[9] Bock 2013 Kriminologie S. 50ff.