Merton und Anomie – Chancenverteilung in der Gesellschaft

Es liegt nahe bei der Frage nach den Hintergründen der Kriminalität zunächst den Täter in den Fokus zu rücken. Jedoch sollte nicht vergessen werden, dass es sich bei dem Verbrechen um ein soziales Phänomen handelt. Nicht zuletzt dienen die Regeln und Vorschriften, die durch den Täter verletzt wurden, der Ordnung und dem reibungslosen Funktionieren der Gesellschaft an sich. Diese wiederum hat ihrerseits umfassende Möglichkeiten auf den Täter einzuwirken.

Kriminalität ist ein Phänomen dessen Auswirkungen sich auf die gesamte soziale Gemeinschaft erstreckt und das ggf. auch seine Wurzeln dort findet.

Insbesondere die Stabilität des gesellschaftlichen Wertesystems, die Chancenverteilung innerhalb der Gesellschaft, ihre Segmentierung und die Wirkung des gesellschaftlichen Umfelds spielen im Folgenden eine große Rolle.

Sozialer Wandel und gesellschaftliche Stabilität – Anomie

Was hält also eine Gesellschaft und ihr Wertesystem zusammen?

Durkheim, einer der Begründer der Soziologie, wies bereits darauf hin, dass zu schneller sozialer Wandel  zu hohem gesellschaftlichen Druck führt. Dies entstand damals durch die Zurückdrängung der religiösen Normen und Traditionen zugunsten der modernen Gesellschaft, die durch ihre Ausdifferenzierung und Arbeitsteilung das Zusammengehörigkeitsgefühl zu einem klaren Kollektiv mitunter vermissen lässt. Ein Zustand, der das Risiko von Orientierungs- und Normlosigkeit birgt, wenn sich Menschen überfordert fühlen und keinen gesellschaftlichen Anker haben. Ein Zustand, der Frust, ja sogar Angst bewirken kann und der Anomie genannt wird. [1]

Weiterführend hierzu entsteht Anomie nach Robert Merton auch überall dort, wo eine scharfe Diskrepanz zwischen Zielen und Mitteln besteht. Überall dort wo persönliche Wünsche und Träume nicht mit legitimen Mitteln verwirklicht werden können, da die kulturellen Normen und der Platz in der Gesellschaft sie dem Individuum verwehren.

Hierzu weist er darauf hin, dass es im Rahmen der kulturellen Struktur der Gesellschaft zwei wesentliche Punkte gibt: Die Wertevorstellungen, die sich in Zielen ausdrücken, und die Wege diese zu erreichen.[2]

Jede Kultur verfügt über legitime Ziele, deren Erreichung von ihren Mitgliedern als erstrebenswert angesehen wird. Hier hilft die Maslowsche Bedürfnispyramide bei der Einordnung derselben weiter, da sich die Natur der Ziele nach den dort genannten Kategorien richten. Je besser die Versorgung innerhalb der Gesellschaft geregelt ist, desto höherstufiger werden sie beim Durchschnitt der Mitglieder sein.

Zur Erreichung dieser Ziele steht in den meisten Fällen eine Vielzahl von Möglichkeiten offen, die allerdings nicht immer gleichermaßen anerkannt sind. In Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Moral werden einige Methoden als unzulässig angesehen werden, eben solche Verhaltensweisen, die als Verbrechen gelten.

Wenn nun jedoch innerhalb der Gesellschaft die legitimen Wege ungleich verteilt sind, kann es Individuen geben, bei denen eine Diskrepanz zwischen den Zielen, die sie gerne erreichen würden und den Mitteln, die ihnen hierzu zur Verfügung stehen, besteht.[2]

Geht man von einer modernen europäischen Gesellschaft aus, so findet man die meisten Ziele der Kultur in den oberen Bereichen der Bedürfnispyramide. Dementsprechend kann sich fehlender Zugang zu beruflichen Chancen oder gesellschaftlichem Status in anomischem Druck auswirken. Ist jedoch bereits in Teilen der Gesellschaft das grundlegende Bedürfnis nach Sicherheit, etwa in Form eines Minimums an Eigentum, nicht durch legitime Mittel gedeckt, führt auch dies zum gleichen Problem.

Gleiche Ziele, ungewöhnliche Wege – kriminelles Verhalten

Von den verschiedenen Reaktionsmöglichkeiten auf diese Situation ist für die Erklärung von Kriminalität jene am Interessantesten, die man Innovation nennt.

Der Einzelne wird dabei weiterhin bemüht sein die kulturellen Ziele zu erreichen, jedoch andere Mittel finden, als diejenigen, die die Gesellschaft eigentlich bietet und die ihm verwehrt sind. Insbesondere wenn die Fixierung auf das Ziel so stark im Individuum verankert ist, dass die Wahl der Mittel in den Hintergrund gerät oder wenn die Frustration über die fehlenden Mittel über die Normtreue siegt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass andere Wege ausprobiert werden.[3]

Bedeutsam ist hier, dass Innovation grundsätzlich ein wertneutraler Begriff ist und es der gesellschaftlichen Deutung obliegt, ob eine innovative Lösung zu tadeln oder zu loben ist.

Ungewöhnliche Geschäftsmodelle und bahnbrechende Vorgehensweisen sind – etwa in Bezug auf die Erreichung wirtschaftlicher Ziele im Rahmen der modernen Geschäftswelt – Paradebeispiele für eine positiv gesehene Reaktion auf fehlende Mittel den gewünschten Erfolg auf altbewährtem Wege zu erreichen.

Auf der anderen Seite finden sich aber auch unzählige Ideen zur Erwirtschaftung von Gewinnen, die obgleich von ähnlich kreativen Charakter, von der Gesellschaft als betrügerisch oder in sonstiger Weise kriminell angesehen werden.

Gerade im komplexen Bereich der modernen Wirtschaft und den Grauzonen der „Geschäftstüchtigkeit“ wird deutlich wie geistige Freiheit, in Form innovativer Geschäftsideen, einerseits und Kriminalität andererseits nur einen Deutungsprozess voneinander entfernt liegt.

Der Begriff Innovation beschränkt sich dabei nicht zwangsläufig auf Mittel, die bisher noch nie gesehen wurden, sondern kann jede Verhaltensweise umfassen, die sich von den gesellschaftlich anerkannten Wegen entfernt.[4] Auch der Diebstahl eines Angestellten, der Interesse an einem ausreichenden Lohn hat, – etwa um seine Miete zu bezahlen – und der ihm mangels Aufstiegschancen verwehrt bleibt, ist eine derartige Reaktionsform auf anomischen Druck.

Überträgt man diese Erkenntnis auf den strukturellen Aufbau einer Gesellschaft, so lässt sich ableiten, dass umso mehr diese in Schichten – formelle oder faktische – unterteilt ist und umso weniger diese Schichten durchlässig sind, desto mehr die Differenz steigt zwischen dem Anreiz eine höhere Schicht zu erreichen und der Möglichkeit dies mit legalen Mitteln zu tun.

Obgleich Mertons Anomietheorie in den meisten Fällen auf solche Gesellschaftsangehörige zutreffen wird, die sich in den schwächeren Einkommensschichten bewegen, erschöpft sie sich nicht dort.

Die Natur des vom Einzelnen gerne erreichten Zieles ist grundsätzlich beliebig, entscheidend ist nur, dass eine Diskrepanz mit seinen legalen Möglichkeiten besteht. Auch ein Ziel eines Angehörigen einer oberen Schicht, das sich auf den obersten Stufen der Bedürfnispyramide befindet, etwa persönliche Macht, kann ein Individuum dazu anleiten zu illegalen Mitteln zu greifen, um dieses Ziel zu erreichen.

Anomie bietet insofern ebenso eine Erklärung für den Diebstahl von Lebensmitteln durch einen Bettler wie für die Bestechung eines Politikers durch einen Vorstand, etwa um in ein noch höheres und einflussreicheres gesellschaftliches Amt erhoben zu werden.

Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass die Chancenverteilung – ergo Perspektivenlosigkeit –  innerhalb der Gesellschaft mit der Kriminalität in Zusammenhang steht

Fazit

Um daher zu erklären warum sich ein Einzelner in der Gesellschaft kriminell verhält, sind die entscheidenden Merkmale sein Zugang zu Chancen, Macht und Freiheit. Dies wird bestimmt durch die Rolle, die er in der Gesellschaft einnimmt.

Die Rolle steuert seinen Zugang zu legitimen Mitteln, sowie zu den kulturellen Zielen, die er verfolgt. Außerdem wird sie in der Regel das Maß an Macht und Freiheit beeinflussen, dem er sich ausgesetzt sieht, sowie sein nahes Umfeld und damit seine Subkultur prägen. Dieses kann wiederum, je nachdem wie weit sein spezifisches Normensystem mit dem der Allgemeinheit übereinstimmt, die Tendenz zum Normenbruch weiter verfestigen.

Der zweite Faktor und gewissermaßen der Auslöser ist der eigene Erfolg, oder eben den Misserfolg in der Erfüllung dieser Rolle. Unabhängig von der Art der Ziele kann das Unvermögen diese zu erreichen zu Frustration und schließlich zu kriminellem Verhalten führen, das sich in seiner Natur nach der gesellschaftlichen Position des Straftäters richten wird.

[1] Bock 2013 Kriminologie S. 62ff.; Kunz 2011 Kriminologie S. 94ff.
[2] Sack & König Kriminalsoziologie, 1979 S. 283ff..
[3] Ebd.
[4] Sack & König, 1979 S. 294ff.; Schwind, 2011 S. 139; Bock, 2013 S. 56f. Kunz, 2011 S. 98..