Interkulturelle Kommunikation und Kriminalität

 

Die moderne Welt ist geprägt von ihrem schnellen Wandel. Alte Grenzen fallen, überwunden von den Fortschritten in der Technologie. Das Zeitalter der Globalisierung konfrontiert uns stetig mit neuen Herausforderungen, die an alten Strukturen rütteln.

Eine davon ist als das Phänomen der Ausländerkriminalität bekannt. Durch eine neu entdeckte Form der Mobilität wächst die Gefahr grenzüberschreitender Verbrechen und die Kriminalität in einem Land – einschließlich ihrer Dynamiken und Erklärungsansätze – lässt sich nun nicht mehr nur auf eine homogene Gesellschaft als Autor zurückführen.

Ein weiteres zentrales Element im einundzwanzigsten Jahrhundert ist die Sprache und die Kommunikation zwischen den Kulturen, die wichtiger denn je werden. Allerdings ist die Sprache auch ein zweischneidiges Schwert, denn einerseits bringt sie Menschen zusammen und ermöglicht erst eine Kooperation, anderseits stellt sie eine schwer überwindbare Barriere für alle jene dar, die sie nicht beherrschen. Sie ist insofern gleichzeitig Brücke und Grenze zwischen den Kulturen.

Inwieweit kann also Kommunikation bestimmte Formen der Kriminalität beeinflussen?

Im Folgenden soll daher das Zusammenspiel dieser beiden Elemente untersucht werden.

Am Beispiel der digitalen Kommunikation im Internet lässt sich feststellen, dass eine Tendenz zur Ausbildung von homogenen Gruppen unter Migranten besteht, die sich proportional zur Beherrschung der Sprache des neuen Landes verhält.

Hemmnisse und Probleme in der Kommunikation mit Einheimischen können insofern eine Gruppenbildung innerhalb der neuen Gesellschaft unterstützen, da die Kommunikation mit der In-group leichter und angenehmer ist, als das Unterhalten von Kontakten nach außen.

Dies – und andere Faktoren – unterstützt insofern eine Abkoppelung von der restlichen Gesellschaft bei manchen Migranten und ist ein potentielles Integrationshemmnis. Insbesondere auch dort, wo es an Ressourcen und Unterstützung zur Überwindung dieses Problems mangelt.

Fraglich ist nun, inwieweit dies eine Erhöhung des Kriminalitätsrisikos mit sich bringt, insbesondere bei jenen, die ohnehin schon weitere Risikofaktoren in sich vereinen.

Eine erste mögliche Auswirkungen dieser Gruppenbildung ist die Förderung einer Hybrididentität des Migranten.

Als Hybrididentität bezeichnet man im Allgemeinen einen Zustand zwischen zwei Punkten, bei dem das Individuum keine eindeutige Zuordnung zu einem für seine Identität bedeutsamen Element vornehmen kann.[1] In diesem Fall würde dies ein Schwanken zwischen den zwei Kulturen des Migranten bedeuten, unterstützt durch die Trennung der Bezugskreise in die Bekannten aus dem neuen und die aus dem alten Land.

Dies kann unter Umständen Unsicherheit und Frust erzeugt und sich durch persönliche Unsicherheit und Ungebundenheit auszeichnet. Die Zugehörigkeit zu einer klar definierten Gruppierung kann jedoch für einige Menschen wichtig sein, sie gibt Stabilität und Halt.[2]

Das Selbstverständnis des Individuums, sein „Platz in der Welt“ ist weiterhin ein oft thematisiertes Problem in der Literatur, die Frage „wer bin ich?“ hat bis heute einen geradezu klassischen Charakter und scheint von jedem Menschen irgendwann eine Antwort einzufordern.[3] Wird nun dieser Selbstdefinierungsprozess durch das Fehlen einer klar erkennbaren Heimat für den Einzelnen erschwert, kann dies ein erster Schritt zu Frust und Ärger sein, die als Motor für kriminelle Energie bekannt sind.[4]

Weiterhin fehlt es dann ggf. an einer gefestigten Persönlichkeit, die den Versuchungen der Kriminalität widerstehen konnte.

Gerade auch im Lichte der bekannten Bildungs- und Kontrolltheorien in der Kriminologie und Soziologie[5] ist die Beschreibung eines „ungebundenen“ und „unsicheren“ Zustands bedenklich.

Subkulturen
Zweitens wird die Bildung von abgeschotteten Einheiten innerhalb der Gesellschaft regelmäßig als problematisch gesehen, gerade auch in Kombination mit dem dritten Punkt, dem Wertekonflikt.

Subkulturen sind Träger und Verfestiger unterschiedlicher Werte.[6] Unterschiedliche Werte können jedoch schnell Unverständnis bis hin zu Wut erzeugen, wenn die Kulturen im täglichen Leben doch einmal aufeinandertreffen.

Dieser Effekt ist auch unter dem Begriff Kulturkonflikt[7] bekannt und kann in seiner extremsten Form zu Kriminalität aus Unwissen, Gleichgültigkeit oder Ärger über abweichende Wertvorstellungen fuhren.

Schlussendlich ist auch die Reaktion der restlichen Gesellschaft auf diese Entwicklung von Bedeutung. Entfremdungsprozesse gehen genauso von dieser Richtung aus, wenn aufgrund von fehlender Kommunikation und Verständnis der Kontakt auch am anderen Ende gemieden wird. Stattdessen beeinflussen negative Zuschreibungen und Reaktionen nach einiger Zeit auch das Bild der Adressaten über sich selber und wirken in Form einer selbsterfüllenden Prophezeiung.[8]

Weiterhin können sich hierdurch den Migranten berufliche Möglichkeiten verschließen. Dies wiederum führt zu Frust, wenn er erkennt, dass er seine Ziele nicht mit den Mittel erreichen kann, die ihm im neuen Land zur Verfügung stehen und gestellt werden.[9]

Fazit
Zusammenfassend gesagt führen daher Frust und Unsicherheit, Unverständnis und kulturelle Differenzen, sowie die beruflichen und gesellschaftlichen Folgen zu Konflikten, die sich beim Auftreten weiterer Faktoren – persönliche Stressfaktoren, kriminalitätsbegünstigender Veranlagung, ein entsprechendes Umfeld[10] – in Kriminalität entladen können.

Die hier zu untersuchende Sprache und Kommunikation hat das Potential diese Kluft zu schlichten, kann sie aber genauso auch verfestigen, indem sie kulturelle Trennung, durch die Unterstützung von Gruppenbildungen, schürt.

Beispiele für eine derartige Entwicklung, wo abgeschottete Subkulturen und die restliche Gesellschaft durch fehlende interkulturelle Kommunikationen im kriminologisch relevanten Ausmaßen aufeinander prallen, finden sich im Bericht der Zeitung Focus vom 21.08.2015 über den Stadtteil Duisburg-Marxloh und in den vorangegangenen Meldungen.[11]

Nicht nur in Duisburg, sondern auch in anderen Großstädten in Nordrhein-Westfalen beobachtet die Polizei seit längerem, dass sich in bestimmten Vierteln Gruppen ausbreiten, die die Polizei nicht mehr als Ordnungsmacht respektieren. (…) Um die Probleme besser in den Griff zu bekommen, müsse es [daher] in Zukunft viel mehr Integrationsmaßnahmen in der Stadt geben.

 

Marcel Iden

[1] Duden, 2015 „Hybrid“ und „Identität“.
[2] Kunz, 2011 Kriminologie S. 124.
[3] Precht, Wer bin ich – und wenn ja wie viele? 2007.
[4] Kunz, Kriminologie 2011 S. 124f.
[5] Vertiefend Kunz, Kriminologie 2011 S. 123ff; Bock, 2013 S. 50ff.
[6] s.o.
[7] Vertiefend Bock, 2013 Kriminologie S. 59ff.
[8] Allgemein zur Etikettierungstheorie: Maguire, Morgan, & Reiner, 2012 The Oxford Handbook of Criminology S. 65ff; Kunz, Kriminologie 2011 S. 162ff.
[9]Allgemein zu Mertons Anomietheorie: Bock, 2013 Kriminologie S. 64ff.; Kunz, Kriminologie 2011 S. 96ff.
[10] Bock, 2013 Kriminologie S. 41ff. Kunz, 2011 Kriminologie S. 51ff. Maguire, Morgan, & Reiner, 2012 S. 3ff.
[11] Focus 21.08.2015; Focus 02.07.2015; Focus 18.08.2015.

 

2 Kommentare

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