Kriminalität – Eine Eingrenzung

Kriminalität ist ein facettenreiches Phänomen, das dem Einzelnen in der Gesellschaft Tag für Tag begegnet. Es findet Einzug in Literatur, Film und Nachrichten und beansprucht dort seinen festen Platz.

Üblicherweise mit Schlagworten wie Mord, Raub und Totschlag in verbindung gebracht, erschöpft sich der Begriff jedoch nicht nur bei solchen Taten, die fast jeder als verbrecherisch ansieht. Stattdessen versteht sich Kriminalität als ein Verhalten, das sozialschädlich ist und von der Gesellschaft auch als verwerflich angesehen wird, d.h. mit Strafe bedroht ist.

Dies führt uns zu dem Schluss, dass es bei der Kriminalität um einen Zuschreibungsprozess sozial abweichenden Verhaltens handelt, der von den Ansichten innerhalb der Gesellschaft über die Natur von strafwürdigen, sozialschädlichen Verhaltensweisen abhängig ist.
Folglich unterliegt die Kriminalität auch einer gewissen Beliebigkeit, die sich nach gesellschaftlichen Entwicklungen richtet.

Wirkung und Rolle der Kriminalität in der Gesellschaft

Wie bereits eingangs erwähnt übt dieser Zuschreibungsprozess eine ungewöhnliche Faszination auf die Gesellschaft aus, die in Anbetracht der mit dem Verbrechen eigentlich einhergehenden schädlichen Wirkungen überraschend scheint. Zwar bleibt der tadelnde Charakter meist erhalten, gleichwohl erfährt die Thematik überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit in der Allgemeinheit, insbesondere in der fiktiven Literatur, als dass es sich nur um eine Reaktion auf tatsächlich vorgekommen Übertretungen handeln könnte.

Dies führt zur Rolle der Kriminalität in Bezug auf die nicht straffällige Gesellschaft, die eigentlich keine Berührungspunkte mit Verbrechen aufweist und sich normkonform verhält.

Das Interesse der Gesellschaft an ihren Mitgliedern, die sich abweichend verhalten, ist jedoch dann verständlich, wenn man die Besonderheit bedenkt etwas nur in Abhängigkeit zu einem Bezugspunkt definieren zu können.

Dies führt dazu, dass der Nicht-Kriminelle die Kriminalität benötigt, um sich gegen sie abzugrenzen und sein eigenes Normgefühl und seine Moral zu bestätigen. Folglich fällt dem Kriminellen eine Stabilisierungsfunktion zu, da er dem Rest der Gesellschaft als willkommenes negatives Beispiel dient, anhand dessen sie ihre eigene Treue zur gesellschaftlichen Norm beweist. Dementsprechend zeigt sich auch, dass Kriminalität nicht zwangsläufig nur gesellschaftsschädliche Elemente mit sich bringt.

In die gleiche Richtung geht Durkheim, wenn er darauf hinweist, dass die Abweichung des Individuums vom Kollektiv auch eine Form von geistiger Freiheit ausdrückt. Nur wer eine gewisse Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Vorgaben bewahrt, vermag den Gedanken zu ertragen gegen diese zu verstoßen.

Dies wird deutlicher, wenn die Beliebigkeit und die Wandlungsfähigkeit in Abhängigkeit von den gesellschaftlichen Ansichten des oben erarbeiteten Zuschreibungsprozess hinzutritt. Dies führt dazu, dass in Form von Kriminalität ausgedrückte geistige Freiheit in einigen Fällen Vorreiter für den Wandel der Moral waren.

Gesellschaft ohne Kriminalität?

Allerdings lässt sich aus dem Verständnis der Kriminalität als Abweichung vom Kollektiv, kombiniert mit der Beliebigkeit des Verhaltens auch ableiten, dass es keine Gesellschaft ohne Kriminalität geben kann.

Selbst wenn also die gesellschaftlichen Gegebenheiten dazu führen, dass bestimmte heutige Kriminalitätsformen derartig in den Vorstellungen der allermeisten Gesellschaftsmitglieder geächtet werden, dass sie praktisch nicht vorkommen, würde dies die Kriminalitätsrate nicht senken:
Zusätzlich zu der Notwendigkeit der Kriminalität um die gesellschaftliche Moral zu definieren, folgt aus dem Umstand, dass jedes Individuum sich vom anderen unterscheidet, dass es keine vollständige Konformität innerhalb des Gesellschaftskollektivs geben kann.

Bedenkt man nun, dass sich die Definition von Kriminalität nicht per se auf bestimmte Verhaltensweisen beschränkt, sondern vom gesellschaftlichen Wandel abhängig ist, so führt eine theoretische Verringerung von Verhaltensweisen die zu einem bestimmten Zeitpunkt als kriminell gelten, aus den obigen Gründen nur zu einer Verlagerung des Spektrums an kriminalisierten Verhalten hin zu solchen Handlungen, die bis dato nicht als strafwürdig angesehen waren.

Dies würde beispielsweise solche Verhaltensweisen betreffen, die zuvor nur den Regeln der Höflichkeit untergeordnet waren, ohne jedoch in Gesellschaft als strafwürdig zu gelten. Der Begründer dieses Gedankens, Emile Durkheim, nimmt ein Kloster voller Heiliger als Beispiel. Naturgemäß stünden Delikte wie Mord oder Diebstahl dort außer Frage. Stattdessen würde etwa ein geflüstertes Wort während einer Schweigeminute oder ein falscher Blick den gleichen Unmut erregen.

In umgekehrter Richtung lässt sich diese Entwicklung bereits in der Vergangenheit beobachten. Während im europäischen Mittelalter die Mitglieder der Gesellschaft einer erhöhten Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt waren und ein entsprechend ausgerichtetes Strafrecht hatte, führte die relativ dazu erhöhte Sicherheit in der Neuzeit zu einer Verlagerung der kriminalisierten Verhaltensweisen zu eigentumsbezogenen Delikten, die bis dato nicht in dieser Komplexität als strafwürdig angesehen waren.

Vereinigt man diese Tendenz nach Durkheim mit der Maslowschen Bedürfnispyramide, lässt sich der Schluss ableiten, dass die Kriminalitätsentwicklung innerhalb der Gesellschaft der Stufe folgt, auf der sich der gesellschaftliche Schnitt bewegt. Ist körperliche wie wirtschaftliche Sicherheit ausreichend geschützt, verlagert sich die Kriminalisierung auf soziale Bedürfnisse. In einer theoretischen Gesellschaft mit unendlichen Ressourcen und Chancen ist anzunehmen, dass der Fokus auf die höchste Stufe, in Form der Selbstverwirklichung, wandert.

Kriminalität als Spiegel der Gesellschaft

Zusammengefasst ist Kriminalität der Zuschreibungsprozess eines Verhaltens durch die Gesellschaft als strafwürdig. Die Art dieses Verhaltens spiegelt die Bedürfnisse und Bedürfnisbefriedigung der Gesellschaft wieder und wandelt sich im Einklang mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Gleichsam kann Kriminalität Vorbote dieser Entwicklung sein und als Zeichen geistiger Freiheit dienen.
Kriminalität steht daher in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Moral und ist ein dynamisches Konzept.